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18.12.2018 - brasilien – auftakt zu einer demokratisch gewählten militärdiktatur?

Puravida-Projekte in Brasilien

Liebe Göfnerinnen und Göfner!

Bevor ich über unsere Projekte in Jacobina im Nordosten Brasiliens berichten werde, möchte ich eine kurze Stellungnahme über die aktuelle politische Situation des Landes und die Stimmung der Menschen machen:

Brasilien hat gewählt. Im Oktober d. J. sind rund 57 Mill. Stimmen dem Kandidaten Bolsonaro zugeflossen, der nun ab 1.1.2019 das Präsidentenamt in Brasilien übernehmen wird (https://de.wikipedia.org/wiki/Jair_Bolsonaro). 
Der schon seit fast drei Jahrzehnten als Parlamentsabgeordneter agierende Fallschirmjäger-Hauptmann ist in den letzten Jahren mehrmals aufgefallen, als er kontroverse und vulgäre Kommentare abgegeben hatte, z. B. als er bei dem Amtsabsetzungsverfahren der Ex-Präsidentin Dilma Rouseff verlautbarte, dass er für die Absetzung stimmen würde und dass er das in Erinnerung an die Ehre von General Ustra mache.

Es ist in Brasilien allerseits bekannt, dass der General Ustra einer der Befehlshaber der Militärdiktatur war, der wegen Anwendung von Foltermethoden angeklagt und verurteilt worden ist, und der u. a. auch die Ex-Präsidentin Dilma, als sie noch eine junge Studentin war, „verhört“ hatte. In einer anderen Situation hat er einer Parlamentskollegin ins Gesicht gesagt, dass sie es nicht würdig sei, vergewaltigt zu werden, weil sie ja hässlich ausschauen würde. Ein anderes Mal hat er gesagt, dass es ein Fehler des Militärregimes war, nur zu foltern, es hätte mehr töten müssen. Und die Lösung für das soziale Problem der Favelas sieht er in Form von Maschinengewehren.

Ich konnte es kaum glauben, je absurder seine Äußerungen in der Wahlkampagne waren, desto mehr Stimmen sind im zugeflossen. Es ist gekommen, wie es zu befürchten war. Mit massiven Einsatz der Internet-Medien, wie whatsapp und facebook, unter Verwendung von Hetzkampagnen und systematischen Fake News ist es ihm gelungen, sich als Mythos darzustellen, nämlich der eines ehrbaren weißen, bewaffneten Mannes, der die Moral verteidigt und die Korruption bekämpfen will. Er präsentiert sich selbst als einen von Gott eingesetzten Führer der Volksmasse und grenzt sich scharf gegenüber Minderheiten ab, eine bekannte Strategie, die schon in totalitären und faschistischen Systemen angewendet worden ist.

Die Frage ist nun, wie weit kann es kommen, wie gefährlich es werden kann. Ist wirklich ein Verfall sämtlicher zivilgesellschaftlicher Errungenschaften zu befürchten?

Was soll ich antworten, wenn meine Mama und Freunde aus Österreich mich fragen, wie schlimm die Situation ist und was das für Folgen für mich haben könnte, einem Ausländer in Brasilien?

Nach den ersten Ausführungen von Bolsonaro zur Regierungsbildung kann man sich langsam ein Bild machen … das Umweltministerium soll abgeschafft werden, auch das Arbeitsministerium, das Agrarministerium wird von der Ex-Präsidentin der Großgrundbesitzer-Liga geleitet, wohin auch beiläufig das nationale Institut FUNAI verlegt werden soll, das (eigentlich) den Auftrag des Schutzes der Rechte der indigenen Bevölkerung innehat. Inzwischen hat er auch schon angekündigt, dass zukünftig vier Bundesministerien von Militär-Generälen angeführt werden sollen.

Wie gefährlich kann es werden, wenn den internationalen Agrochemie-Konzernen Türen und Tore geöffnet werden, um ihre in Europa schon bereits verbotene Agrogifte in Brasilien zu verkaufen und das Gift nicht nur auf dem Esstisch der brasilianischen Familien landet, sondern auch in Form von Sojafutter in den europäischen Kuh- und Schweineställen?

Wie gefährlich kann es werden, wenn die Schutzmaßnahmen für das Amazonas-Gebiet und die Garantien für die indigenen Völker und traditionellen Volksgruppen abgebaut werden?

Wie gefährlich kann es werden, wenn die Einschränkungen für den allgemeinen Waffenkauf und -besitz abgeschafft werden?

Wie gefährlich kann es werden, wenn Militärs Amtsposten in Regierung und Parlament innehaben, in einem Ausmaß wie noch nie zuvor in der jungen brasilianischen Demokratie gesehen?

Wie gefährlich kann es werden, wenn soziale Aktivist/innen ermordet werden, wie die Stadträtin von Rio de Janeiro Marielle Franco, und der Fall von der Polizei und Justiz nicht aufgeklärt wird?

Die Antworten habe ich leider nicht parat. Im Moment kann nicht viel mehr gemacht werden, als die Entwicklung aufmerksam zu verfolgen …

Nun, zu den Projekten in Jacobina -
Die Solidaritätsinitiative Puravida unterstützt den afro-brasilianischen Kulturverein ATABAQUE, der sich inzwischen zu einer wichtigen Einrichtung gemausert hat und die Interessen der traditionellen Volksgruppen auf regionaler Ebene vertritt. ATABAQUE investiert auf der einen Seite in die Stärkung der zivilgesellschaftlichen Strukturen und auf der anderen Seite in die Qualifizierung, Bildung und Talente-Förderung der Menschen. So z. B. hilft unser Verein anderen Vereinen, bürokratische Hürden zu bewältigen und sich zu organisieren, um ihre Rechte einzufordern und sich erfolgreich um Fördermittel der öffentlichen Hand zu bewerben.

Neben den kulturellen Kursen, wie Capoeira und Afrotanz, finden auch weiterhin Kurse zur beruflichen Fortbildung statt, wie ein Kurs für Elektriker, fürs Nähen und Schneidern, für Stoffmalerei, organische Landwirtschaft und Tourismus sowie ein Vorbereitungskurs für die Hochschulaufnahmeprüfung.

Mit dem Geld der Spenden der TS Göfis wurden Fortbildungskurse unterstützt, sowie ein Kinderspielplatz neu eingerichtet.

Voraussichtlich werden ich und meine austro-brasilianische Familie im Februar 2019  in Göfis sein. Es wäre schön, wenn ein Z‘sammahock veranstaltet werden könnte, um genauer auf das Thema einzugehen.

An dieser Stelle ein herzliches Vergelt´s Gott an alle Spenderinnen und Spender!

Mit herzlichen Grüßen aus Jacobina in Bahia, Brasilien,
Markus Breuss, DI

Kontakt: puravida1@gmx.net; Infos: atabaquejacobina.blogspot.com;

Derzeit können wir Markus, seiner Familie und Freunden nur die besten Wünsche nach Brasilien schicken - wir sind auf jeden Fall bemüht, seinen Projekten auch 2019 wieder eine Unterstützung zukommen zu lassen.